Joomla ist weder barrierefrei noch nicht barrierefrei. Das Projekt zielt auf WCAG 2.1 AA und liefert ein barrierearm gebautes Standard-Template aus. Was bei Ihren Besucherinnen und Besuchern ankommt, entscheiden aber das Template, das Sie tatsächlich einsetzen, seine Overrides, Ihre Erweiterungen und Ihre Beiträge [5][8]. Diese Seite trennt, was Joomla mitbringt, von dem, was Ihre Aufgabe bleibt – auf der Vereins- oder Gemeindewebsite genauso wie im Shop mit einer E-Commerce-Erweiterung – und nennt die Stellen, die Sie zuerst prüfen sollten.
Gilt das BFSG für Ihre Joomla-Website?
Das hängt davon ab, was die Website tut. Das BFSG erfasst bestimmte Dienstleistungen für Verbraucherinnen und Verbraucher: elektronischer Geschäftsverkehr, Bankdienstleistungen, Telekommunikation, E-Books und Personenbeförderung. Wer über eine Shop-Erweiterung – verbreitete Beispiele sind VirtueMart und HikaShop – an Verbraucher verkauft, erbringt eine „Dienstleistung im elektronischen Geschäftsverkehr“ (§ 1 Abs. 3 Nr. 5 BFSG). Dafür gilt das Gesetz seit dem 28. Juni 2025 [1]. Es setzt den European Accessibility Act um; wer in andere EU-Länder verkauft, trifft dort auf vergleichbare nationale Gesetze [2].
Ausgenommen sind Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen erbringen: weniger als zehn Beschäftigte und höchstens 2 Mio. € Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme (§ 2 Nr. 17, § 3 Abs. 3 BFSG) [1]. Beide Bedingungen müssen erfüllt sein; Einzelheiten stehen auf unserer Seite zur Ausnahme für Kleinstunternehmen. Ein reiner B2B-Shop erbringt keine Dienstleistung für Verbraucher.
Eine reine Informationswebsite eines Vereins oder Unternehmens ist in der Regel selbst keine der genannten Dienstleistungen – eine Buchungs- oder Bestellfunktion darauf kann es aber sein. Gemeinden und andere öffentliche Stellen fallen stattdessen unter die BITV 2.0, mit eigener Erklärungs- und Feedbackpflicht. Den vollständigen Anwendungsbereich erklärt BFSG und European Accessibility Act, für Shops unser Überblick BFSG für Onlineshops.
Was Joomla mitbringt – und was nicht
Sie bekommen:
- Cassiopeia als Standard-Template. Seit Joomla 4 ist Cassiopeia das einzige Standard-Frontend-Template. Es wurde mit Fokus auf Barrierefreiheit gebaut – Schriften, Farbkontraste, ARIA-Attribute – und übernimmt, was die älteren Beez-Templates schon adressiert hatten. Die Menüs nutzen eine Vanilla-JavaScript-Version von Metis Menu, ebenso das Administrator-Template Atum [5].
- Eine Prüfhilfe für die Redaktion. Seit Joomla 4.1 gehört der Accessibility-Checker jooa11y als System-Plugin dazu [3][4]. Er markiert Inhaltsprobleme – übersprungene Überschriftenebenen, fehlende Alt-Texte, leere oder nichtssagende Links, Tabellen ohne Kopfzeilen, Textkontrast und fehlende Formularbeschriftungen –, während ein Beitrag entsteht [4][10].
- Skip-Links und Sprachauszeichnung. Ein SkipTo-Plugin ist im Backend standardmäßig aktiv und lässt sich für die Website einschalten. Im TinyMCE-Editor-Plugin können Sie die verwendeten Sprachen hinterlegen und fremdsprachige Passagen auszeichnen [7].
- Anpassung ohne Eingriff in den Core. Cassiopeia nimmt eine
user.css, Template-Overrides im Ordnerhtmlund Child-Templates an. So ändern Sie die Ausgabe, ohne Core-Dateien anzufassen [6]. - Ein erklärtes Ziel. Joomla zielt derzeit auf WCAG 2.1 AA und arbeitet auf WCAG 2.2 AA hin [8].
Sie bekommen nicht:
- Ihr Template. Viele Joomla-Websites laufen mit einem Kauf-Template oder einem Template-Framework statt mit Cassiopeia. Deren Markup stammt vom Anbieter, nicht vom Projekt.
- Barrierefreie Erweiterungen. Eine einzige Erweiterung, die Barrierefreiheit ignoriert, kann eine barrierefreie Website kippen. Das Joomla Extensions Directory enthält zu seinen Einträgen keine Angaben zur Barrierefreiheit; wer dort danach sucht, findet vor allem Add-ons, die unzugängliche Websites reparieren sollen [8].
- Eine Website-Prüfung durch jooa11y. Es ist kein Werkzeug zur Code-Analyse und markiert nur Inhaltsprobleme [4]. Eine ganze Website prüfen oder einen Bericht erzeugen kann es nicht [9], und es muss erst aktiviert werden [10].
- Barrierefreiheit durch das Toolbar-Plugin. Joomla liefert außerdem ein optionales Plugin „Additional Accessibility Features“ mit Schriftgröße, Zeichenabstand und Farbeinstellungen. Die Autorinnen im Joomla Magazine schreiben dazu, dass diese Einstellungen und Plugins kein Barrierefreiheitsproblem der Website lösen [7].
Was wir auf Joomla-Websites finden
Kauf-Templates und Template-Frameworks
Das Template entscheidet auf jeder Seite über Skip-Link, Landmarks, Fokusdarstellung und Farben. Kauf-Templates und Template-Frameworks entfernen oft den Fokusrahmen, setzen Fließtext in Hellgrau und geben das Logo als Bildlink ohne Namen aus. Ein in den Template-Optionen gewähltes Farbschema kann bei Buttons und Links den Kontrast verfehlen, auch wenn das Basis-Template ihn einhielt.
Overrides, die keine Korrekturen mehr bekommen
Template-Overrides sind Kopien von Core- oder Erweiterungs-Layouts. Verbessert der Core ein Layout, bleibt die Kopie im html-Ordner Ihres Templates, wie sie war. Auf langlebigen Websites, die über mehrere Hauptversionen migriert wurden, finden wir Overrides, die Such- und Login-Formularen die Beschriftung nehmen oder „Weiterlesen“-Links ohne Beitragstitel ausgeben.
Menüs und mobile Navigation
Das Menü von Cassiopeia ist ein solider Anfang. Mega-Menü-Module von Drittanbietern öffnen Untermenüs dagegen oft nur beim Hovern, nutzen Links statt Buttons als Schalter und setzen kein aria-expanded. Im mobilen Menü bleibt der Fokus hinter dem geöffneten Paneel.
Beiträge aus dem Editor
Auf Vereins- und Gemeindewebsites entsteht der Großteil der Seiten in der Redaktion. Überschriften werden nach Größe gewählt, Tabellen aus Word eingefügt, Bilder ohne Alt-Text platziert, Linktexte lauten „hier“. Fremdsprachige Passagen bleiben unausgezeichnet, obwohl der Editor das könnte. jooa11y würde vieles davon markieren – aber nur, wenn es eingeschaltet ist und jemand die Hinweise liest.
Slider, Galerien und Formulare aus Erweiterungen
Slider- und Galerie-Erweiterungen laufen automatisch ohne Pause-Schaltfläche und beschriften ihre Pfeile nur mit Symbolen; Lightboxen schließen nicht mit Escape. Formular-Baukästen zeigen Fehler nur gesammelt oben, kennzeichnen Pflichtfelder allein mit einem Sternchen und lassen autocomplete bei Adressfeldern weg.
Shop-Erweiterungen: Varianten, Warenkorb und Kasse
In Shops auf Basis einer Shop-Erweiterung erscheinen Varianten als unbeschriftete Kacheln, „In den Warenkorb“ aktualisiert den Warenkorb ohne Statusmeldung, und die Kasse verteilt sich auf Schritte, deren Fehlermeldungen nicht am Feld stehen. Zahlungsanbieter binden Kartenfelder und Express-Buttons als Iframes ein, die einen title und eine saubere Fokusreihenfolge brauchen. Davor steht eine Cookie-Consent-Erweiterung.
Wo Sie zuerst prüfen sollten
| Kriterium | Warum bei Joomla | Automatisierbar |
|---|---|---|
| 2.4.6 Überschriften und Beschriftungen (AA) | Überschriften nach Größe in Beiträgen | Nur manuell |
| 1.3.1 Info und Beziehungen (A) | Eingefügte Tabellen, Overrides ohne Beschriftung | Teilweise automatisiert |
| 1.1.1 Nicht-Text-Inhalt (A) | Einleitungs- und Beitragsbilder, Galerie-Erweiterungen | Teilweise automatisiert |
| 2.4.4 Linkzweck (im Kontext) (A) | „Weiterlesen“ in Blog-Layouts, „hier“-Links | Teilweise automatisiert |
| 3.1.2 Sprache von Teilen (AA) | Unausgezeichnete fremdsprachige Passagen | Teilweise automatisiert |
| 2.1.1 Tastatur (A) | Mega-Menüs, Slider, Varianten-Kacheln | Teilweise automatisiert |
| 2.4.7 Fokus sichtbar (AA) | Template-CSS mit outline: none | Teilweise automatisiert |
| 4.1.2 Name, Rolle, Wert (A) | Menü-Schalter, Icon-Buttons | Teilweise automatisiert |
| 3.3.1 Fehlererkennung (A) | Formular-Baukästen, Shop-Kasse | Nur manuell |
| 1.4.3 Kontrast (Minimum) (AA) | Farbschemata der Templates | Automatisiert |
„Automatisiert“ heißt: Eine Regel kann das Kriterium allein entscheiden. „Teilweise automatisiert“ heißt: Eine Regel findet einen Teil der Fehler, den Rest muss ein Mensch beurteilen. Alle Kriterien stehen in WCAG 2.2 AA, Kriterium für Kriterium.
Eine sinnvolle Reihenfolge
- Ihr Template an Cassiopeia messen. Lassen Sie eine Staging-Kopie einmal mit Cassiopeia als Site-Template prüfen. Was dort verschwindet, stammt aus Ihrem Template oder seinen Overrides.
- Overrides auflisten. Gehen Sie den
html-Ordner Ihres Templates durch und vergleichen Sie jeden Override mit dem aktuellen Layout aus Core oder Erweiterung. Löschen Sie, was Sie nicht mehr brauchen – ein Override, den es nicht gibt, kann auch nicht veralten. - jooa11y für die Redaktion einschalten. Aktivieren Sie das Plugin im Backend, erklären Sie der Redaktion die Markierungen und hinterlegen Sie die Sprachliste im Editor, damit fremdsprachige Passagen ausgezeichnet werden können. Auf der Live-Website bleibt es unsichtbar.
- Erweiterungen inventarisieren. Listen Sie jedes Modul, Plugin und jede Komponente mit Frontend-Ausgabe auf. Das Verzeichnis sagt Ihnen nicht, welche barrierefrei sind – fragen Sie die Anbieter nach Testnachweisen und entscheiden Sie: korrigieren, ersetzen oder dokumentieren.
- Die wichtigsten Strecken mit der Tastatur gehen. Menü, Suche, Kontakt- oder Mitgliedsformular und im Shop: Kategorie → Variante → Warenkorb → Kasse → Zahlung im Testmodus.
- Nach jedem Update erneut prüfen. Updates von Joomla und Erweiterungen ändern das Markup, Ihre Overrides ziehen nicht mit. Ein regelmäßiger Crawl fängt Rückschritte früh ab.
Was Reviseberg auf Joomla-Websites prüft – und was Sie selbst testen
Reviseberg crawlt Ihre Website einschließlich Kategorie-, Beitrags- und Produktseiten und führt auf jeder Seite alle axe-core-Regeln in einer Desktop-Breite von 1280 Pixeln aus. Die Regeln, deren Ergebnis vom Layout abhängt – etwa Kontrast und Zielgröße –, laufen zusätzlich bei 360 Pixeln. Die Ergebnisse sind WCAG 2.2 A/AA und EN 301 549 zugeordnet. Befunde werden je Regel zu Issues zusammengefasst und danach sortiert, wie viele Punkte ihre Behebung bringt. Ein Fehler in einem Template-Override erscheint deshalb als ein Issue auf 400 Seiten und nicht als 400 Einzelbefunde. Während jooa11y einen Beitrag beim Schreiben betrachtet, sieht der Crawl jede veröffentlichte Seite samt Template.
Der Tastatur-Agent öffnet die Seiten einer Journey, die Sie festlegen – Startseite, Kategorie, Formular, Warenkorb –, drückt auf jeder Tab, Umschalt+Tab und Escape und protokolliert jeden Schritt. Er meldet unerreichbare Elemente, verschwindenden oder unsichtbaren Fokus, fehlende Skip-Links und Tastaturfallen. Formulare füllt er nicht aus, und er bestellt nicht. Fehlerzustände, die Kasse hinter einem gefüllten Warenkorb und das Zahlungs-Iframe gehen Sie also selbst. Der kostenlose Bericht umfasst bis zu 100 Seiten und den Tastatur-Agenten auf einer Seite Ihrer Wahl.
Selbst testen müssen Sie weiterhin: ob Alt-Texte das Bild beschreiben, ob Überschriften und Fehlermeldungen verständlich sind und wie sich die Website mit Screenreader und Zoom verhält. Agenten für Screenreader, Zoom und Sprachsteuerung sind noch nicht gebaut. Für diese Kriterien gibt es geführte manuelle Tests in der Plattform, und ein Kriterium, das niemand geprüft hat, gilt als ungeprüft – nie als bestanden. Es gibt keine Joomla-Erweiterung von uns, PDF-Dokumente prüfen wir nicht, nichts wird automatisch in Ihre Website eingespielt, und wir setzen kein Overlay-Skript ein.
Geschrieben, um nützlich zu sein, nicht als Rechtsberatung. Stand: 27. September 2026.