Branchenleitfaden · E-Commerce

BFSG für Onlineshops

Wer in Deutschland online an Verbraucher verkauft, fällt seit dem 28. Juni 2025 unter das BFSG. Das ist keine Gestaltungsrichtlinie, sondern Produktrecht — und die Marktüberwachung wird auf Beschwerde hin tätig. Hier steht, was erfasst ist, wo Shops tatsächlich durchfallen und was zuerst zu prüfen ist.

  • Gilt für B2C-Shops in der EU
  • Maßstab: EN 301 549 → WCAG 2.2 AA
  • Kleinstunternehmen-Ausnahme siehe unten

Gilt es für Ihren Shop?

Das BFSG erfasst Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr für Verbraucher. Das ist der Shop selbst — aber auch alles um die Transaktion herum: Kundenkonto, Bestellbestätigung, Retourenformular und die App, falls es eine gibt.

  • Sie verkaufen Waren oder Dienstleistungen an Verbraucher (B2C) — ein reines B2B-Großhandelsportal ist nicht erfasst
  • Die Dienstleistung wird in Deutschland erbracht, unabhängig vom Sitz des Unternehmens
  • Kleinstunternehmen sind bei Dienstleistungen ausgenommen: weniger als 10 Beschäftigte und höchstens 2 Mio. € Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme — einer der beiden Werte genügt
  • Ein physisches Produkt zu verkaufen ist etwas anderes, als die Dienstleistung zu erbringen: erfasste Hardware hat eigene Pflichten
  • Sie müssen die Barrierefreiheitsinformationen nach Anlage 3 BFSG veröffentlichen (§ 14 BFSG): wie Ihr Shop die Anforderungen erfüllt und welche Behörde zuständig ist. Eine Erklärung mit Feedback-Mechanismus ist die Pflicht öffentlicher Stellen nach der BITV 2.0, nicht die des BFSG

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Wo Shops tatsächlich durchfallen

Über die von uns geprüften Shops hinweg häufen sich die Fehler an denselben vier Stellen — und keine davon ist die Startseite, die alle testen.

  • Der Checkout verliert den Fokus

    Ein Zahlungsdialog geht auf und der Fokus bleibt auf der Seite dahinter. Tastaturnutzer tabben durch Unsichtbares, während ein Dialog, den sie nicht erreichen, auf Eingabe wartet. Der teuerste Fehler überhaupt, weil er den Kauf abbricht.

  • Produktbilder sagen nichts

    Katalogimporte bringen ihre Dateinamen mit, also wird elfmal „DSC_0041.jpg“ angesagt. Varianten-Swatches sind meist noch schlechter: Farbquadrate ganz ohne Namen.

  • Formularfehler nur in Farbe

    Der Adressschritt markiert Fehler mit rotem Rahmen und ohne Text. Nichts wird angesagt, kein Feld benannt — die Kundin erfährt nur, dass irgendetwas nicht stimmt.

  • Filter sind nicht erreichbar

    Facettennavigation aus div-Elementen mit Klick-Handlern, dazu eine Trefferzahl, die sich stumm aktualisiert — der Filter scheint schlicht nichts zu tun.

Was zu tun ist

  1. Testen Sie den Kauf, nicht die Startseite

    Nehmen Sie Ihre umsatzstärkste Journey — Suche, Produkt, Warenkorb, Versand, Zahlung, Bestätigung — und gehen Sie sie nur mit der Tastatur. Die meisten Shops finden einen Blocker vor dem Warenkorb.

  2. Reparieren Sie das Template, nicht die Seite

    Ein Shop hat vielleicht zwölf Templates und fünfzigtausend URLs. Ein Fund auf einer Produktseite ist ein Fund auf allen — deshalb gruppieren unsere Berichte nach Regel und sortieren nach betroffenen Seiten.

  3. Veröffentlichen Sie die Informationen ehrlich

    Anlage 3 BFSG fragt, wie Ihre Dienstleistung die Anforderungen erfüllt — also auch, wo noch nicht. Informationen, die auf Basis eines automatischen Scans volle Konformität behaupten, sind genau das Dokument, das aus einer Beschwerde ein Bußgeld macht.

  4. Sorgen Sie dafür, dass es nicht zurückkommt

    Sie deployen wöchentlich; ein Audit ist eine Momentaufnahme. Crawlen Sie regelmäßig, damit ein Rückschritt als neuer Fund auftaucht statt als Kundenbeschwerde.

Was Shops fragen

Wir liegen unter der Kleinstunternehmensgrenze. Müssen wir etwas tun?

Bei Dienstleistungen — und ein Shop ist eine — sind Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten und höchstens 2 Mio. € Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme ausgenommen. Die Beschäftigtengrenze gilt immer; von den beiden Finanzwerten genügt einer. Die Ausnahme gilt nicht für Produkte, und sie hält niemanden davon ab, woanders zu kaufen, wenn der Checkout nicht bedienbar ist.

Unsere Shop-Plattform sagt, sie sei barrierefrei. Reicht das?

Nein. Plattformen liefern barrierefreie Komponenten; Themes, Apps und eigene Checkout-Schritte machen sie kaputt. Rechtlich zählt, was bei Ihren Kunden ankommt, nicht was der Hersteller getestet hat. Prüfen Sie Ihren Live-Shop — darum geht es im Gesetz.

Was passiert, wenn sich jemand beschwert?

Die Marktüberwachungsbehörde kann die Beseitigung des Mangels verlangen und letztlich untersagen, die Dienstleistung anzubieten. In der Praxis beginnt es mit einem Auskunftsersuchen — das sich erheblich leichter beantworten lässt, wenn Bericht, Barrierefreiheitsinformationen nach Anlage 3 und Maßnahmenplan schon vorliegen.

Geschrieben, um nützlich zu sein, nicht als Rechtsberatung. Der Text gibt unsere Lesart von BFSG und EN 301 549 mit Stand 12. Oktober 2026 wieder; für eine verbindliche Einschätzung Ihrer Pflichten fragen Sie eine Anwältin oder einen Anwalt.

Weiterlesen

  • Tastatur-Agent

    Tastaturtest für Ihre Website: Der Agent drückt echte Tasten, findet Tastaturfallen und unsichtbaren Fokus und belegt jeden Schritt mit einem Protokoll.

  • Shopsysteme & CMS

    Ein Leitfaden je Shopsystem und CMS: was die Plattform mitbringt, was nicht und wo Sie zuerst prüfen sollten.

  • WooCommerce

    Block-Checkout und „accessibility-ready“-Themes sind ein Anfang. Cookie-Banner, Swatch-Plugins, AJAX-Filter und Zahlungs-Iframes sind die Stellen, an denen WooCommerce-Shops durchfallen.

  • JTL-Shop

    JTL nennt NOVA ab 5.5.0 barrierefrei. Child-Templates von vor dem Update, Plugins und leere img_alt-Felder in JTL-Wawi sind die Stellen, an denen JTL-Shops trotzdem durchfallen.

  • Magento / Adobe Commerce

    Bei Magento entscheidet das Frontend: Luma-basierte Themes tragen Fehler, die Adobe selbst dokumentiert hat – Erweiterungen, Checkout und Headless-Builds bringen eigene mit.

  • Gambio

    Gambio hat seit 2025 viel am Malibu-Theme verbessert – aber nur für Shops, die aktualisieren. Alte Themes, StyleEdit-Farben, Hover-Buttons und der Checkout sind die Stellen, an denen Gambio-Shops durchfallen.

  • plentymarkets / PlentyONE

    Zwei Storefronts, eine Warenwirtschaft: Theme-Plugins, Plugins in Containern und für Marktplätze gepflegte Artikeldaten sind die Stellen, an denen plentymarkets-Shops durchfallen.

  • Wix

    Wix schreibt den Code, Sie bestimmen Reihenfolge, Überschriften, Farben, Apps und Alt-Texte. Frei platzierte Elemente und Apps aus dem App Market sind die typischen Schwachstellen.

  • Drupal

    Der Drupal-Core hat ein Accessibility-Gate. Eigene Themes, Contrib-Module und das, was die Redaktion in CKEditor 5 schreibt, haben keins – dort fallen Drupal-Websites durch.

  • OXID eShop

    OXID erklärt APEX für barrierefrei nach WCAG-Stufe AA. Veraltete Child-Themes, Module in Theme-Blöcken und der Checkout sind die Stellen, an denen OXID-Shops trotzdem durchfallen.

  • Webflow

    Geprüfte Elemente und das Audit-Panel sind ein Anfang. Interactions ohne Reduced-Motion-Bedingung und Widgets aus Div-Blöcken sind die Stellen, an denen Webflow-Websites durchfallen.

  • Joomla

    Cassiopeia wurde barrierefrei gebaut, jooa11y prüft Beiträge. Kauf-Templates, alte Overrides und Erweiterungen ohne Angaben zur Barrierefreiheit sind die Stellen, an denen Joomla-Websites durchfallen.

  • Jimdo

    Erst klären, ob das BFSG überhaupt gilt. Wenn ja: Farbsets mit zu wenig Kontrast, drei Überschriftengrößen nach Optik und eingefügte Widgets sind die typischen Schwachstellen.

  • Squarespace

    Squarespace liefert Skip-Link, Fokusrahmen und beschriftete Checkout-Felder. Frei angeordnete Fluid-Engine-Layouts, Farbwahl und eingefügter Code sind die typischen Schwachstellen.

  • IONOS MyWebsite

    MyWebsite Now bietet Überschriftenebenen, Alt-Text- und Titelfelder – ausfüllen müssen Sie sie. Ungeprüfte KI-Seiten, schwache Paletten und unbeschriftete Einbindungen sind die typischen Schwachstellen.

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